Herrnhuter Losung

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Geistliches Wort

 

                         Jahreslosung 2021

 

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lukas 6, Vers 36)


Das als Jahreslosung ausgewählte Jesuswort steht mitten in der Feldrede Jesu. Sie bildet bei Lukas – ähnlich wie die Bergpredigt bei Matthäus – die erste entscheidende Zusammenfassung der Lehre Jesu nach der Jüngerberufung und soll die Leserinnen und Leser des Evangeliums aufrütteln und aus ihrem gewohnten Denken und Handeln herausreißen. Und entsprechend kompromisslos ist die von Lukas überlieferte Botschaft Jesu:

Nachdem dieser zunächst die Armen, die Hungernden, die Weinenden und die Verfolgten seliggepriesen hat (V.20-23), stellt er den Reichen, den Satten, den Lachenden und den Angesehenen sein hartes „Wehe euch!“ wie einen Fluchruf entgegen. Während die Bedürftigen Gottes Nähe zugesprochen bekommen, müssen die, denen es gut geht, mit Unheil und dem Verlust ihrer Sicherheit und ihres Wohlstands rechnen (V.24-26).

Beim Lesen dieser Worte muss denen, die damals als erste ein Exemplar des Lukasevangeliums in den Händen hielten, direkt der Schreck in die Glieder gefahren sein. Wer sich ein auf Papyrus oder Pergament geschriebenes Werk wie das Lukasevangelium leisten konnte, der gehörte sicherlich nicht zu den Armen, sondern zur zweiten Gruppe. Wie soll ich mich verhalten, wenn das die Lehre Jesu ist? Worauf kommt es an, wenn ich trotz meines Reichtums ein Jünger oder eine Jüngerin Jesu sein will?

Nun, die Feldrede Jesu bietet den ratlosen Leserinnen und Lesern direkt im Anschluss an die Weherufe einen Ausweg aus dem angedrohten Unheil: Jesus fordert alle, die ihm zuhören – und damit auch alle, die das Lukasevangeliums lesen – in seiner Feldrede zu einem Leben auf, das ohne Rücksicht auf Verluste die Güte und Barmherzigkeit Gottes widerspiegelt. Die Feinde lieben, ungerechte Gewalt mit entwaffnender Güte parieren, für die Hassenden beten und die Fluchenden segnen, sogar die Räuber noch beschenken und dabei das letzte Hemd weggeben (V.27-30). Es gibt bei Jesus keine Grenzen für das Tun des Guten. Nicht nur denen soll man abgeben, die sich dafür später einmal revanchieren werden – das tun auch die Sünder – sondern auch dann noch abgeben und Geld verleihen, wenn man bereits weiß, dass man es nicht zurückbekommen wird, darauf liegt der Segen Gottes (V.31-35). Wenn ihr so lebt, sagt Jesus, „wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Höchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.“ (V.35)

An diese Verheißung schließen sich – gleichsam als ethische Glaubensregel für ein Leben in der Nachfolge Jesu – die Worte der Jahreslosung an: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (V.36) So radikal hingebungsvoll gütig, so absolut verschwenderisch wie der Vater im Himmel, sollen die sein, die in Jesu Namen unterwegs sind. Und diese bedingungslose Güte und Barmherzigkeit soll die Basis aller konkreten Lebensvollzüge werden. Wer gütig und barmherzig ist, richtet und verdammt nicht, sondern vergibt (V.37-38). Wer den Maßstab der göttlichen Barmherzigkeit anlegt, torkelt nicht blind in die Fallen des Lebensweges und fixiert sich nicht auf den Splitter im Auge des Gegenübers, sondern erkennt rechtzeitig den Balken, der die eigene Sicht behindert (V.39-42).

Es ist diese Ethik der Barmherzigkeit, an der sichtbar werden kann, dass in denen, die Jesus nachfolgen, ein Herz der Güte und Barmherzigkeit schlägt und dass am Baum der Jesusnachfolge gute Früchte wachsen (V.43-45). Und ein barmherziges Handeln ist – mit diesem Bild schließt Jesus seine Feldrede ab – eine stabile Grundlage, auf der sich das Haus des eigenen Lebens so aufbauen lässt, dass ihm auch stürmische Zeiten nichts anhaben werden (V.46-49). Wer um Gottes Barmherzigkeit weiß und daran sein Leben ausrichtet, der erweist sich als Kind des barmherzigen Vaters im Himmel und darf selbst erleben, wie gut es ist, barmherzig zu sein.

Prof. Dr. Ralf Dziewas

Professor für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie an der Theologischen Hochschule Elstal

 

 

                               Monatsandacht Januar 2021                  

 

 Viele sagen: „Wer wird uns Gutes sehen lassen?“ Herr, lass leuchten über uns das Licht deines Antlitzes! (Psalm 4,7 (L))

Es scheint, als gäbe es eine allgemeine menschliche Sehnsucht: Die Suche nach „dem Guten“, der Erfüllung, dem Sinn. Nicht nur die inhaltliche Frage, was dieses Gute ist, sondern auch die Frage nach dem „Woher“ beeinflusst diese Suche. Von wem wird Gutes erwartet? Worin finden wir unsere Erfüllung? Besonders zu Beginn eines neuen Jahres werden die Stimmen aus den Medien, der Werbung und vielleicht auch in unserem Umfeld lauter: Neujahrsvorsätze, neue Hoffnungen, neue Orientierung. Dieses Jahr soll anders werden. Dieses Jahr soll gut werden. Doch worin suchen wir unser Glück? „Viele sagen“ heißt es in diesem Psalm. Viele – das sind auch die Stimmen um uns herum, unsere täglichen Einflüsse, der gesellschaftliche Standard, was als erstrebenswert gilt und wie „das gute Leben“ aussieht. Da kommen bestimmte Bilder und Vorstellungen in den Sinn. Vielleicht lässt sich das Gute für den einen in materiellem Besitz finden – eine besser bezahlte Arbeit, mehr Anerkennung, mehr Erfüllung. Vielleicht lässt es sich in heilen zwischenmenschlichen Beziehungen finden – in starken sozialen Kontakten und Gemeinschaft. Wo und von wem wir uns Gutes erhoffen, das lenkt und steuert unsere Suche, unser Streben, unsere Ausrichtung. Der Psalmist bringt einen Bruch in diese Fragestellung. Der Frage von Vielen stellt er einen direkten Ausruf, eine Aufforderung an Gott, gegenüber: „Herr, lass leuchten über uns das Licht deines Antlitzes!“ Der Psalmist muss nicht fragen, wer ihn Gutes sehen lassen wird. Er kann in direkten Kontakt mit Gott treten und um das bitten, was er als „gut“ erfahren hat: Gottes Antlitz ist das Gute, wonach sich sein Herz sehnt. Weiter im Psalm wird dies noch einmal deutlicher: „Du erfreust mein Herz, mehr als zur Zeit, da es Korn und Wein gibt in Fülle.“ (Ps 4,8) Die Freude, das Glück und das Gute, das von Gott ausgeht, sind noch einmal mehr, als diese guten Dinge, an denen wir uns sonst so erfreuen. Der Psalm endet mit den Worten: „Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du, Herr, hilfst mir, dass ich sicher wohne.“ (Ps4,9) Dieses Gute, das bei Gott gefunden werden kann – im Licht seines Antlitzes, das über uns leuchtet – gibt tiefen Frieden, Sicherheit und Gewissheit: Bei Gott bin ich gut aufgehoben. Kann auch ich den vielen Stimmen um mich herum aus dieser tiefen Erfahrung heraus antworten, wenn ich gefragt werde, wer uns Gutes sehen lassen wird? Der Psalm lädt ein, unsere Suche nach Erfüllung und dem Guten in der Schönheit Gottes zu finden. Wir dürfen empfangen, denn es ist sein Licht, das über uns leuchtet und uns das Gute sehen lässt. Im Licht seines Antlitzes ist es, dass wir Freude und Frieden finden – ein Leben in Fülle und aus der Fülle heraus.

Dana Sophie Weiner
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Theologischen Hochschule Elstal

 

(Quelle: www.baptisten/medien-service/andachten/)