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Gemeindeleben

Beten heißt zuhören – Ein Wochenende mit Siegfried Großmann

Pastor Siegfried Großmann (76), von 2002 bis 2007 Präsident des Bundes der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden in Deutschland, wirkt auf den ersten Blick eher wie ein freundlich zugewandter Schriftsteller denn wie ein fesselnder Prediger. Wer allerdings nicht zur ansehnlichen und doch überschaubaren Schar derer gehörte, die ihn am Freitagabend des 21.3.2014 in unserem Gemeindezentrum als Vortragenden und am folgenden Abend als Pianisten erleben durfte, der hatte ein Ereignis und eine geistliche Bereicherung verpasst.

Gemeindepastor Bernd Busche stellte den Gast als einen Theologen vor, dessen Werk sich durch thematische Breite und geistige Tiefe ausweist und Bereiche wie Weltverantwortung, Seelsorge und Ökumene umspannt. Siegfried Großmann, Autor vieler theologischer Schriften, Pianist und Hobbybergsteiger, versteht es darüber hinaus als Redner, biblische Aussagen mit wenigen Sätzen zu erklären und mit humorvollen Beispielen aus seiner reichen Lebenserfahrung zu würzen.

In seinem Vortrag „Wie kann mein Gebet aus einem Monolog zu einem Gespräch mit Gott werden“ machte er an der Passage über das Beten aus der Bergpredigt (Mt. 6, 5-15) deutlich, dass wir Gott weder über unsere Anliegen informieren müssen noch ihn mit vielen Worten beeindrucken oder überreden („müde beten“) können, auch wenn er uns einlädt, ihm unser Herz auszuschütten. Gebete wollen ja erhört werden und richten sich deshalb nicht nur von mir aus an Gott, sondern in einem Kommunikationsdreieck auch von Gott aus an mich, sei es als Antwort oder sogar, ohne dass ich etwas erbeten habe. Darum muss ich für Gottes Botschaften stets aufnahmebereit sein. Beten lernen heißt nicht, reden zu lernen, sondern, hören zu lernen – nur so kann sich aus meinem Gebet ein Dialog mit Gott entwickeln.

„Wir hatten einmal einen Hund, der verstand ungefähr 50 menschliche Äußerungen, aber wir verstanden ihn nicht“ veranschaulichte Siegfried Großmann. „Da haben wir die Strategie entwickelt, ihm Fragen zu stellen und seine Reaktionen zu beobachten.“ Beten zu Gott, auch in Gebetsgemeinschaften, sollte in kurzen Sätzen geschehen und Pausen der Stille und des Zuhörens beinhalten. Auf die Frage aus dem Publikum, wie Jesu Textvorgabe des Vaterunsers in diese Sichtweise passe, antwortete Großmann: „Jesus sagt nicht, das sollt Ihr beten, sondern so sollt Ihr beten – zuerst kommen Gottes Anliegen und danach die unseren.“ Auch an 24-Stunden-Gebeten sei nichts auszusetzen, wenn 24 Stunden lang nicht nur gebetet, sondern auch hingehört werde.

Wer den Gast vom Freitagabend als zurückhaltenden Autofahrer im Gedächtnis hatte („Oberhalb 120 km/h steigt der Heilige Geist aus.“), der wurde am Samstagabend überrascht, denn am Klavier des Gemeindesaals gab der Pastor ‚richtig Gas’ und holte aus dem Instrument, obwohl eher an Flügel und Orgeln gewöhnt, eine ungeahnte Vielfalt und Bandbreite an Klängen heraus. Bevor Großmann zu vier kurzen Lesungen aus seinen Schriften jeweils ein thematisch passendes Musikstück intonierte, erinnerte Bernd Busche an die Auffassung Martin Luthers, dass (praktizierte) Musik im Rang gleich nach der Theologie die Kraft habe, den Teufel zu vertreiben und das Seelenheil des Menschen zu fördern.

Die Auslegungsbedürftigkeit der Bibel hat den Vorteil, uns sowohl am Ursprung der Texte vor tausenden von Jahren teilhaben zu lassen als auch den Texten zu ermöglichen, ihre Wirkung für die Moderne zu entfalten, erläuterte Großmann in der ersten Lesung und spielte dazu Edvard Griegs Suite „Aus Holbergs Zeit“, deren fünf Sätze alte und neue Tonsprache verbinden. Zur These, dass wir unsere Umwelt nur erhalten können, wenn wir Gott in seiner Schöpfung erkennen und lieben und in der Liebe zur Natur die Kraft der Schöpfung bewahren, schloss sich François Couperins barocke Suite über den Zwist von Nachtigall, Hänfling und Grasmücken an, in der sich die Schönheit des Nachtigallenliedes nur dem Menschen offenbart. Felix Mendelssohn Bartholdys Präludium und Fuge in e-Moll griffen danach wie eine „Predigt in Musik“ das Thema des Betens und Hinhörens vom Vorabend wieder auf. Das Musikstück steht in Bezug zu Bachs Matthäuspassion und vertont in der Fuge unter anderem die Antwort Gottes auf ein Gebet. Auch Franz Liszt beschäftigte sich mit der Musik Johann Sebastian Bachs, und auch seine Variationen über den basso continuo des Crucifixus der h-Moll-Messe von Bach enden wie die Fuge Mendelssohns mit dem Motiv eines bekannten Kirchenchorals. Großmann hatte die Bass-Variationen als letztes Stück ausgewählt, weil sie mit Klangelementen bis hin zur Stille Jesu Sterben am Kreuz und seine Auferstehung wiedergeben und so auf die kosmische Bedeutung der einstigen Wiederkehr Jesu für jeden einzelnen von uns hinweisen. Anhaltender Applaus honorierte die große Musik, mit der Großmann als talentierter Pianist den Gottesdienstraum erfüllt und obendrein gezeigt hatte, wie sehr sich auch Komponisten und Interpreten mit Aussagen der Bibel auseinandersetzen.

Wer an den beiden Abenden nicht dabei gewesen war, hatte am Sonntagmorgen wenigstens noch die Gelegenheit, Pastor Siegfried Großmanns Auslegung der Worte der Bergpredigt über die Gebetserhörung (Mt. 7, 7-11) zu erleben und sich mit seinen Schriften einzudecken. D. Runkel leitete als Moderator durch den Gottesdienst, den themenbezogene Lieder des Singkreises („Somebody’s praying“, „Dir, Gott, nahe zu sein, ist mein Glück“) und eine Gebetsgemeinschaft abrundeten. Es habe ihn geärgert, so Großmann, dass anders als in der Bergpredigt behauptet bei niemandem alle Gebete erhört würden, und er habe, um den Widerspruch zu verstehen, schließlich den Text von hinten gelesen. Vers 11 sagt, dass Gott den Bittenden Gutes gibt. Kinder erhalten von ihren Eltern nicht immer alles, was sie sich wünschen, weil manches nicht möglich und anderes nicht gut für sie ist. Wenn Gott auf unsere Wünsche also nicht so reagiert, wie wir gehofft haben, dürfen wir nicht aufgeben, sondern müssen uns Gott öffnen und überlegen, was er uns dadurch mitteilen will. Neben der geradlinigen Gebetserhörung, bei der man nichts lernt (ich bitte und werde erhört), gibt es drei weitere Formen: die komplizierte Erhörung, bei der Gott meiner Bitte erst später oder auf Umwegen nachgibt, um mich auf einen neuen Weg zu führen; die lange ausbleibende oder unvollständige Erhörung, bei der Gott mich nicht im Stich lässt, aber zu einem anderen Ziel lenkt; die versagte Erhörung, die gern zu der Frage führt „Warum lässt Gott das zu?“, aber von uns besonderes Nachdenken erfordert und im Grundvertrauen auf Gott entsprechend Vers 11 trotzdem dem Guten zugebucht werden muss. Der bekannte Satz „ Bittet, so wird Euch gegeben“ (Vers 7), folgerte Siegfried Großmann, muss neu übersetzt werden und lauten „Bittet, so wird Euch etwas gegeben“ – dann steht die Passage aus der Bergpredigt nicht mehr im Widerspruch zu unserem Verständnis der Realität.